29½: Blutrausch in der Bügelstube

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Viele Dinge erzählte man sich in Lüdenscheid über den 71jährigen Wäschereibesitzer Franz F.: Eine bewegte Vergangenheit hätte er hinter sich, vor dem Krieg wäre er in Berlin der Wahrsager der großen Filmstars gewesen, hätte ihnen allen aus der Hand gelesen. Die Kinder aus seiner Nachbarschaft machten ob seiner hageren, mitunter finstren Erscheinung einen großen Bogen um ihn.

Aber was die Reporter der Lüdenscheider Nachrichten am Morgen des 23. April 1975 in der Wohnung von Franz F. vorfanden, als sie der Polizei zuvorkamen, vergaßen sie ihr Lebtag nicht.

Als Bonus zu unserer letzten Sendung über die 1991er Geiselnahme in der Lüdenscheider Commerzbank thematisieren wir einen weiteren Kriminalfall aus unserer Heimatstadt. Achtung: Nicht für Kinder oder zart besaitete Hörerinnen und Hörer geeignet.

3 Gedanken zu “29½: Blutrausch in der Bügelstube

  1. Spannender kleiner Abriss über einen wahrlich spektakulären Kriminalfall. Ich komme allerdings nicht umhin, ein wenig Kritik an der Behandlung der Verhältnisse der damaligen Zeit zu üben – ohne jetzt natürlich „spoilern“ zu wollen 😉 klar, Journalismus (nennen wir es einen Moment lang mal so) kann und sollte grundsätzlich wertneutral sein, aber so manches, was 1975 noch Gang und Gäbe war, darf man heutzutage ruhig in den entsprechenden Kontext einordnen, um nicht in den Verdacht zu geraten, man mache sich damalige Ansichten und Bewertungen zu eigen.

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  2. Moin zusammen,

    Da war ja quasi ein Krimi aus der „Schmuddelecke“. Die Entkriminalisierung der Homosexualität (bezeichnenderweise nur unter Männern, denn da man Frauen eher gar keine Sexualität zuschrieb, war lesbische Liebe niemals offiziell strafbar…) fand mit der ersten Reform des Paragraphen 175 im Jahr 1969 und mit der zweiten 1973 statt. Zum Tatzeitpunkt war es also nicht mehr gesetzeswidrig, wenn zwei volljährige Männer einvernehmlich Sex miteinander hatten.

    Wie auch immer, da die damals lebenden Schwulen natürlich in einer anderen Zeit sozialisiert worden waren und sich die Freiheitsbewegung von New York aus dem Jahr 1969 bisher nicht bis Deutschland fortgepflanzt hatte, blieben viele auch in den 1970ern noch ungeoutet, lebten ihre Veranlagung versteckt und erfanden allerlei Tarnungsdekoration. Was wäre denn jemandem passiert, wenn das Schwulsein öffentlich geworden wäre? Vielleicht wären die Kunden der Heißmangel aus geblieben?

    Auch vor 1969 war „Mann“ nicht auf den sogenannten Klappensex angewiesen, wie man im Jargon die Quickies auf dem Klo nannte. Natürlich war „es“ verboten, aber sich zusammen zu finden in einer Schankwirtschaft, das war natürlich nicht unzulässig, und die berühmten Wirtinnen und „Schwulenmuttis“, wie auch Trude Herr eine war, schätzten ihre homosexuelle Kundschaft, denn die benahm sich gegenüber den Damen stets vorzüglich. Lesben und Scbwule konnten einander so ganz passabel kennen lernen, und wenn es mal wegen Denunziantentums oder sonstwas zu einer Polizeirazzia kam, sollte da mal jemand beweisen, ob hier Männlein mit Weiblein oder sonstwem knuddelte. Man konnte sich also arrangieren, auch vor 1969.

    Das Tatopfer schien nicht nur eine schräge Erscheinung gehabt haben, sondern auch gewisse Defizite im Sozialverhalten. Er nahm jemanden mit nach Haus zum Zwecke eines intimen Miteinanders, weist aber den Wunsch des Partners ab übernachten zu dürfen und droht sogar den Rauswurf per Polizei an. Das ist schon ziemlich bemerkenswert. Auch damals galt „wer poppen will, muss freundlich sein.“ Um nicht falsch verstanden zu werden: natürlich kann niemand sagen, dass das Opfer „selbst Schuld“ gewesen war und nichts rechtfertigte diese Tötung. Dennoch muss man sich wundern, welche Art des Umgangs mit anderen dieser seltsame Mann wohl pflegte. Es ist wohl das was die meisten dachten beim Hören der Geschichte: „Mann, wärest du soch nur ein bisschen netter gewesen!“

    Mein Outing fand 1978 statt, und wenig verwunderlich war natürlich die harsche Reaktion meines Vaters. Horrorstories wie diese aus dem „Milieu“ sorgten sicher nicht für einen entspannten Blick auf Homosexualität. Wir sollten uns jedoch davor hüten zu glauben, dass heute „alles OK“ sei. Jugendliche benutzen auf dem Schulhof wohl immer noch das Lieblingsschimpfwort „schwul“ und wenn das eigene Kind betroffen ist, endet bei vielen die bis dato vorgetäuschte „Toleranz“. Es ist längst nicht alles „OK“.

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