074: Michael Ende I – Von Lummerland bis ins Amphitheater

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Letzten Monat wagten Simon und Sebastian den großen Rundumschlag durchs Kinderbuch-Regal. Diesmal werden die beiden Literaturpäpste spezifisch und sprechen über einen Autoren, der ihnen besonders viel bedeutet: Michael Ende. Ein Mann, der stets einen äußerst speziellen Blick auf die Welt hatte (bzw. auf die Welt hinter der Welt).

In der Jim-Knopf-Dilogie, Endes wohl kinderfreundlichstem Werk, unternehmen die Podcaster einen exotisch anmutenden Roadtrip durch eine Welt, die aus dem Gleichgewicht geraten ist, und zeigen, wie unterschiedlich eine solche Geschichte umgesetzt werden kann.

In Momo fiebern sie mit der wuschelköpfigen Titelheldin, wenn sie sich in einer Allegorie auf die Schnellebigkeit und Habgier der modernen Welt den wohl unvergeßlichsten Vampirwesen der Kinderliteratur entgegenstellt.

Fortsetzung folgt (aber nicht nächsten Monat, da gibt’s ein doppeltes Jubiläum).

7 Gedanken zu “074: Michael Ende I – Von Lummerland bis ins Amphitheater

  1. Lieber Sebastian, lieber Simon, meine liebsten deutschsprachigen Podcaster,
    was für eine nostalgische, tiefgründige und kurzweilige Folge. Und mit Abstand der einzige Podcast, in dem Kasperle-Bücher und Jerry Cotton-Heftchen in einem Atemzug genannt werden (Stichwort: Bügelzimmer). Dazu ein charmanter Spoiler-Bleep bei der Nennung des Dark Lord of the Sith vom 42 Jahre alten Blockbuster!
    Eure Besprechung von Jim Knopf hat mir dermaßen Lust gemacht, beide Bände neu zu bestellen, denn als Kind kannte ich nur die Version der „Pupsburger Augenkiste“ (wie wir die Serie als Kids gerne unter unendlichem Kichern genannt haben). Fand ich aber damals trotzdem klasse, besonders die Gestaltung von Jim (James), eine der neidlichsten Marionetten, die ich kenne. Die anthroposophischen Aspekte und die Ab- bzw. Hintergründe der Kindheitserfahrung Endes in Nazi-Deutschland waren mir noch nie zuvor aufgefallen. Durch euch habe ich da wirklich etwas gelernt!

    „Momo“ hatte ich zwar relativ spät als Zehnjähriger erstmals gelesen, es hat mich jedoch umso mehr geprägt. Zwischen Yps-Heften, meinen geliebten ???-Romanen und historischen Jugendbüchern stach es damals richtig heraus. Auch an die „Lemmy und die Schmöker“-Präsentation kann ich mich schwach erinnern, da gab es so einen Effekt auf dem Panzer der Schildkröte, den ich beeindruckend fand. Lemmy selber hat mir irgendwie immer etwas Unbehagen eingeflößt, dabei schien er gleichzeitig ein Besserwisser zu sein. In Kombination also ziemlich „awkward“ und „creepy“, wie Millennials heute sagen würden. Die Sendung sah ich aber lange vor meinem Leseerlebnis, das ich wohl um 1983 hatte. Etwa zur gleichen Zeit hörte meine Mutter sehr gerne die Pink Floyd-LP „Wish you were here“. Diese hatte innen eine Abbildung eines Geschäftsmannes mit Melone, weißen Handschuhen, Nadelstreifen-Anzug und einer Art Schaufensterpuppen-Kopf (also ohne Gesicht, googelt mal „Strom Thorgersons Desert Man“). So ähnlich stellte ich mir die „grauen Herren“ dann vor, und die Atmosphäre des Romans kam mir irgendwie auch etwas dystopisch vor, als ob das Setting aus der Zeit gefallen wäre (Amphitheater, Ruinen, Autos, Bibi Dolls). Eventuell würde ich heute das Buch als „postmodern“ bezeichnen, ist aber nur mein eigener Eindruck von 1983, durch die heutige Sichtweise reflektiert. Als ich Jahre später dann mit ebenso großer Begeisterung Kafka entdeckte, fühlte ich mich oft an diese eigenartige Atmosphäre der „grauen Herren“ erinnert: die inhumane Geschäftigkeit, die empathielose Gefühlskälte, die erdrückende bürokratische Korrektheit, all dies ist auch wesentlicher Bestandteil der Welt Franz Kafkas. Übrigens passend zu diesem Gedankengang: Als ich 1999 „Matrix“ von den Wachowskis im Kino sah, kamen mir auch wieder MOMO und die grauen Herren in den Sinn. Die Idee mit den „menschlichen Batterien“, die Geschäftigkeit der Ahnungslosen, Mr. Smith mit seiner eiskalten Korrektheit, etc. Würde mich interessieren, was die Blog-Community von dieser Idee hält, ich selbst habe MATRIX schon lange nicht mehr gesehen…

    Sehr gut kann ich mich noch an meine Enttäuschung über den Film erinnern. Als ich den 1986 im Kino sah, war da dieses sonnige, strahlende Kind (Radost Bokel) in fast ebenso italienisch warmer Kulisse. Wie gesagt, ich hatte eher diesen melancholischen Sci-Fi-Dystopie-Eindruck vom Buch, mehr Pink Floyd als deutscher Schlager. Das hier war ein echter Familienfilm mit lächerlichen grauen Herren! Ich glaube, ich habe ihn seitdem nie mehr wiedergesehen, daher nur mein erinnertes Bauchgefühl. Heute denke ich, meine Lieblingsszene würde die mit Meister Horta sein, wenn er zu Momo sagt: „Most people never have to face the fact that, at the right time and the right place, they’re capable of… ANYTHING.“ Kommt zwar bei Polanski so vor, könnte aber genauso zu Daisy Ridley als „Momo 2022“ gesagt werden. Mary Sue-Ermächtigungssatz im heutigen Mainstream! ; )

    So, damit bedanke ich mich auch im Namen von „Jean Knopf und der wilden Seven of Nine“ ganz herzlich für diesen wunderbaren Samstagvormittag. Es war mir ein inneres Stunden-Blumenpflücken!

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  2. Schöne Folge! Was Jim Knopf angeht war das Hörspiel immer meine Referenz-Umsetzung (wobei ich den 2. Teil nicht mehr so gut fand). Die vielen christlichen Verweise sind mir nie aufgefallen, das war sehr interessant. Die Puppenkiste mag ich generell nicht besonders und deren Version finde ich fürchterlich, ehrlich gesagt. Den ersten Film habe ich gesehen und fand ich gut guckbar.

    Wird es eigentlich auch noch mal Folgen mit Lüdenscheid-Bezug geben? Bin zwar aus einer ganz anderen Ecke, aber ich höre diese Folgen immer wieder gerne.

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    • Hallo Hotzenplotz,

      danke für Deinen Kommentar!

      Die großen Lüdenscheid-Themen, die eine eigene Sendung erlauben, haben wir vorerst abgefrühstückt – aber wer weiß, welche neuen Erkenntnisse sich ergeben? Lüdenscheid bleibt auf jeden Fall ein Aspekt vieler Sendungen. Die Kinderbuchfolge aus März, die kommende Folge von Ende Mai, die Tagebuch-Sendungen und die Jahresrückblicke werden alle Lüdenscheid-Content haben.

      Schöne Restwoche Dir,
      Sebastian

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  3. Momo gehört meinen wohl am häufigsten wieder und wieder gelesenen Büchern (neben Der Unendlichen Geschichte). Gerade eben habe ich das Hörbuch angeschmissen. Ich musste mich entscheiden zwischen Jim Knopf (den ich noch nie als Roman gelesen habe) und Momo (die ich gefühlt fast auswendig mitsprechen kann.) Den Ausschlag hat der Vorleser gegeben: Gert Heidenreich liest Momo, das ist einfach schwer zu toppen (nicht mal von Christoph Maria Herbst!)

    Jim Knopf kannte ich, wie viele andere Kinder, damals zuerst von der Augsburger Puppenkiste. Danach geriet der ein bisschen in Vergessenheit, wurde in der Erinnerung auch zu flacher, kindischer Unterhaltung (wahrscheinlich wegen der Puppenkiste), bis wir dann die Hörspiele geschenkt bekommen haben. Ich glaube, für eine Urlaubsfahrt an den Gardasee. Zumindest sehe ich heute noch, wenn ich die traurige, etwas schleppende Stimme von Michael Ende am Anfang des Hörspiels höre, noch das Wohnzimmer vom Haus meiner Oma vor mir, wo wir am Gardasee gewohnt haben.

    Wie es mir bei der Momo-Verfilmung immer eher erschien: dass sie mir nicht schleppend langsam vorkam, sondern eher hektisch. Dass sich der Film nicht die Zeit genommen hat, Momo in Ruhe zu erzählen, kam mir damals genauso unlogisch vor wie dass die Unendliche Geschichte im Film ein vorzeitiges Ende auf der Hälfte des Romans fand (als ich den Roman, lange nach dem Film, gelesen hatte.

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  4. Ach ja, Lemmy und die Schmöker!

    Lemmy („Herr Lehmann, bitte!“) war tatsächlich mein allererster Kontakt zu Momo gewesen! Das hat uns als Kinder fasziniert, gegruselt und begeistert. Und weil wir immer gerne nachgespielt haben, was wir im Fernsehen gesehen haben, ist ein ganz besonderes Momo-Spiel bei uns Geschwistern zum Dauer-Renner geworden:

    „Grauer Herr löst sich in Nichts auf!“

    Dabei sind uns wohl die Auflösungen, bei denen die Grauen Herren in ihrem Bunker auf dem Boden gestürzt waren und verzweifelt & vergeblich nach ihren Zigarren gegrabscht haben, als besonders eindrücklich erschienen: unsere beliebteste Methode, sich in Nichts aufzulösen (neben sich in eine Decke einzuwickeln) war es, unter unheimlichen Geräuschen & Gestöhne unters Sofa zu rollen (um so zu verschwinden)!

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  5. Michael Ende kannte ich bisher nur durch die Jim-Knopf-Interpretation der Augsburger Puppenkiste. Da mein Kindheitsgedächtnis nicht so fotografisch ist, wie das von Sebastian habe ich inzwischen gar keine Erinnerung mehr daran. Die unendliche Geschichte kenne ich nur durch die Verfilmung, welche mich mit etwa fünf Jahren zu sehr gruselte, bis heute habe ich sie nicht mehr angeschaut. Jetzt bin ich also Mitte dreißig und mache meine ersten echten Ende-Erfahrungen.

    Nachdem ich eure Folge hörte zog ich mir direkt das Momo eBook und las es am Wochenende durch: Ein echter Pageturner. Es war faszinierend. Es packte mich auf vielen Ebenen. Als Vater der seinem Sohn gerade vermitteln möchte, dass es besser sei die Zeit gut einzuteilen, damit es am „Ende“ nicht wieder zu knapp wird mit dem Lego spielen vor dem Abendbrot. Es packt mich auch in der Betrachtung meines Jobs. Ich arbeite oft mit Deadlines, die einzuhalten sind und nur durch Optimierungen des Workflows möglich werden. Dann gibt es noch viele metaphorische Ebenen die erst auf dem zweiten Blick erkenntlich werden. Stark. Vielleicht hat es mich sogar ein wenig verändert. Auf jeden Fall hat es zur Selbstreflexion angeregt. Zum ertappt fühlen, wenn ich mich wieder über falsches Zeitmanagement aufrege.

    Ich habe dann den Momo-Teil des Podcasts noch ein zweites mal angehört und konnte der Rezension noch besser folgen. Aber auch zuvor, als Unwissender, fand ich sie bereits sehr unterhaltsam. Wie in TAD ja kürzlich festgestellt ist dies ein Indiz dafür, dass es eine gelungene Rezension war, und das ist sie in der Tat.

    Danke für diese Folge. Danke für die Begeisterung, die ich jetzt für Momo gefunden habe. Ob ich mir Jim Knopf auch noch rein ziehe weiß ich nicht, bis zum Unendliche-Geschichte-Podcast will ich selbige dann auch mal durcharbeiten und vielleicht mein Verfilmungs-Kindheitstrauma überwinden.

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