Der Retro-Podcast. Popkultur und Persönliches von gestern, vorgestern und vorvorgestern.

121: Wehrdienstverweigerer

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Stillgestanden! Okay, rühren. Bis 2011 gab es in der Bundesrepublik die Wehrpflicht. (Vielleicht bald wieder.) Und wenn man nicht gerade ausgemustert wurde, dann kam man um den Aufenthalt in der Kaserne nur herum, indem man aus Gewissensgründen den Dienst an der Waffe verweigerte und zum Zivildienstleistenden wurde.

Spoiler-Alarm: Keiner der Rückspul-Kollegen war beim Bund, aber einige waren Zivis und leisteten zwischen 1997 und 1999 dreizehn Monate lang soziale Dienste.

So berichten heute Simon, Gerrit, Jan & Sebastian davon, wie sie selbst und ihre Familien dem Militär oder dem Friedensdienst gegenüber eingestellt waren. Wie man sich eine Musterung vorzustellen hat. In welche Einrichtungen es sie im Zivildienst verschlug und wie der Alltag aussah – dort in diesem Niemandsland zwischen Schule und Erwachsen.

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120: Feuersteins Nacht 1998

  1. Fritz

    Was für ein Fest! Auch wenn die Episode erst seit 30 Minuten rotiert, kann ich komplett relatieren.

    Musterung irgendwann Mitte der 2000er. Auch dieser Raum mit Fernseher und BW-Propagandavideos. ich hatte aber glücklicherweise ein zerknittertes Taschenbuch „Auge des Drachen“ von Stephen King in der Täsch und konnte die überschaubare Wartezeit so überbrücken.

    Was mich allerdings schon seit dem Hinweg plagte, war ein recht hoher Harndruck. Zum Ende der Wartezeit wurde dies auch allmählich enorm unangenehm. Glücklicherweise war das Abgeben einer Urinprobe dann mein erster Task, als ich aufgerufen wurde.

    Unglücklicherweise musste ich in meinem jungen Leben zuvor noch nie eine Urinprobe abgeben, bekam keinen Hinweis über die erforderliche Menge, die im Becher landen sollte und hatte, wie erwähnt, eine zum Bersten gefüllte Blase. Meinen Befüllungs-Faux pas bemerkte ich dann spätestens an ihrer nicht besonders zugeneigten Reaktion darauf.

    Dies resultierte darin, dass ich der eigentlich ganz netten Dame, die vor der Toilette wartete, einen randvollen Plastikbecher in die glücklicherweise behandschuhten Hände balancierte. Sie war not amused.

    Im Untersuchungszimmer warteten bei mir dann gleich zwei Ärztinnen. Da ich der Meinung war, nichts zu verlieren zu haben fragte ich während der Untersuchung dann ganz frei heraus, was ich hier denn machen müsste um ausgemustert zu werden. Und tatsächlich bekam ich darauf sogar die Empfehlung, NICHT im Zuge der heutigen, laufenden Musterung zu verweigern sondern mich ambivalent und unentschlossen zu verhalten. Die Ärztinnen klärten mich auf, dass ich nach eventuellem Erhalt eines Schreibens zur Einberufung noch immer meine Kriegsdienstverweigerung zu beantragen. Der Bedarf an Nachschub für den Wehrdienst hielte sich angeblich in Grenzen, hieß es weiter, und viele gemusterte Männer bekämen nach der Musterung einfach gar keine weiteren Schreiben mehr vom Bund.

    Ich wurde aber etwas skeptisch was diese Aussage betraf, als ich beim Sehtest Schwierigkeiten hatte, versteckte Muster in autostereografischen Bildern zu erkennen. Die Ärztinnen nahmen wohl an, ich würde sie veräppeln, wurden irgendwann dann etwas unwirsch und notierten irgendwann, dass ich den Test bestanden habe. Obwohl ich WIRKLICH nichts in diesen Bildern erkennen konnte. Am Ende ging ich auch mit der Qualitätsstufe T2 aus den Untersuchungen raus und bedankte mich nach einem Blick auf die Liste der tollen Tätigkeiten bei der Bundeswehr, die ich mit diesem Musterungsergebnis ausüben könnte, bei den Ärztinnen dafür dass ich bestimmt der beste Maurer oder Friseur werden würde, den die Bundeswehr je erleben und belobigen würde.

    Aufgrund dieser kalten Füße und des Misstrauens äußerte ich beim finalen Gespräch mit irgendeinem uniformierten Soldatenkoloss, der wie bei euch hinter einem massiven Schreibtisch empor ragte, dass ich den Kriegsdienst verweigern wolle und den Antrag in kommender Zeit stellen würde. Dies nahm er aber ebenfalls ohne weitere Diskussionen einfach hin und ich durfte gehen.

    In der Folgewoche setzte ich mich dann an meinen PC und tippte ein 15-seitiges Pamphlet über meine Gründe, den Dienst an der Waffe zu verweigern. Ich scheute dabei nicht vor den absurdesten und an den Haaren herbeigezogensten Rückgriffen auf reale und fiktive Ereignisse meiner Biografie und Familiengeschichte zurück.

    Nur 5 Werktage (!!!) nach dem Absenden des Antrags hatte ich eine positive Rückmeldung und Aufforderung, Zivildienst zu leisten, im Briefkasten. Ich glaube bis heute, dass niemand überhaupt jemals meinen sehr umfangreichen Antrag gelesen hat. Im besten Fall wurde er wohl überflogen und dann mit einem Seufzer beiseite gelegt.

    Die Zeit des Zivildienstes ist dann aber auch nochmal eine ganze eigene Story.

  2. Thomas B

    Tolle Folge und für mich ein tolles Plädoyer für einen Dienst an der Gesellschaft für alle. Ich bin der Meinung, dass das ein wenig Kit in die Gesellschaft kippen würde.

    Ich selbst habe vor 25 Jahren meinen Grundwehrdienst abgeleistet.

  3. Taunide

    Hallo Ihr Lieben, ein Thema das mich zunächst nicht sonderlich interessierte und das ich bei anderen Podcasts sicher übersprungen hätte. Da ich aber Rückspultastenkomplettist bin musste ich da wohl dran. Ich selbst bin zu bequem gewesen um mich um eine Verweigerung zu kümmern und bin den einfacheren (und zu meiner Zeit noch 6 Monate kürzeren) Weg des Wehrdienstes gegangen. Und habe seit meiner Zeit beim Militär mehrfach die Meinung über die Sinnhaftigkeit einer Wehrpflicht geändert. Und jedesmal mit anderen Argumenten. Und eines meiner Hauptargumente war und ist: Die Wehrpflicht führt dem Pflegesektor über den Umweg Verweigerung, Personal zu das unter anderen Umständen niemals in die Nähe der Pflegeberufe tendieren würden. Und die Wehrpflicht führt auch dem Militär solche Menschen zu die es eventuell mit kritischem Geist von innen verändern. Auf diese Weise wird m. E. eine Gesellschaft in diese Institutionen repräsentiert. Es gibt zwar z. B. So etwas wie das Freiwillige Soziale Jahr, aber das machen ohnehin nur Leute die bereits vorher diese soziale Einstellung hatten. Und während ich die Folge so gehört habe, (gute Besserung übrigens Sebastian, oder war es der Heuschnupfen?) sind aus Euren Erzählungen meine eigenen Erinnerungen an diese Zeit im Leben gekeimt. Das ist bei wenigen Rückspultasten so heftig gewesen wie bei dieser und so ist diese Folge, die mich so sperrig angelächelt hat doch zu einem frühen Podcast Highlight des Jahres geworden. Meine Eltern haben beide den Krieg mitbekommen, Jahrgang 18 und 27. Und so war es auch bei uns so das Kriegsspielzeug verpönt war und ich zu einem friedliebenden Kind erzogen werden sollte, aber meine zahlreichen Cousins und Cousinen hatten diese Einschränkung nicht so das wir es genossen mit eben den kleinen grünen Plastiksoldaten zu spielen. Das ging so weit das ich meine Revell Flugzeugmodelle vor meiner Mutter verstecken musste. Wenn allerdings der Bruder meines Vaters zu Besuch kam, da wurden die alten Kriegskamellen aufgetischt und obwohl sie Heimatvertriebene aus Schlesien waren und beide in Gefangenschaft klang das teilweise wie ein großes Abenteuer.. Ich war also da in etwas ambivalenten Verhältnissen. Meine Eltern hatten ein Elektrogeschäft und so waren mein Vater und ich regelmäßig im örtlichen Altenheim um dort Fernseher einzustellen, zur Reparatur abzuholen oder auszuliefern. Mindestens einmal pro Woche waren wir vor Ort und man merkte jedesmal wie sehr sich die Leute dort über Abwechslung freuten. Besonders wenn da so ein Vorläufer Steppke wie ich dabei war. Aber wie viel tiefer und teilweise auch erschütternder die Erlebnisse eures Zivildienstes waren, da kann ich nur sagen Hut ab. Und auch Hut ab für diese Folge die mich so ein bisschen aus der kalten erwischt hat.

  4. Roger

    Hallo zusammen

    Das war wieder sehr unterhaltsam und informativ, danke auch für dieses Werk.

    Hier erlaube ich mir die Schilderung meiner Musterung (bzw. bei uns in der Schweiz „Aushebung“ genannt“) und dann auch der weiteren Fortsetzung. Also, die Aushebung absolvierte man mit 19 Jahren, ich war also 1999 dran. Das war 1 Tag, mit Sporttest (da war ich im Durchschnitt) und Befragungen. Für mich war es ok, dass ich in den Militärdienst gehen würde, und am Schluss des Tages war ich als „Sanitätssoldat“ tauglich. Ich wäre also bei den Sanitätstruppen gewesen, was mich einerseits sehr interessiert hätte und andererseits eine sinnvolle Tätigkeit gewesen wäre.

    Nun war es so, dass ich noch in der Lehrerausbildung war und diese würde ich erst 2002, also mit 22 Jahren, abschliessen. Das war aber kein Problem, ich musste den Dienst zweimal verschieben, was Formsache war (man wurde erst eingezogen, wenn man die Erstausbildung fertig hatte, bzw. spätestens mit 25 Jahren dann sowieso).

    Als der Sommer 2002 näher kam, erledigte ich einiges im Vorfeld des Dienstes: Im Zeughaus bezog ich die Militärschuhe zum Einlaufen vorab und forderte, da ich stark kurzsichtig bin, die sogenannte Kampfbrille an. Und nun begann die Verwirrung…

    Ich trug seit meinem 16. Lebensjahr fast nur noch Kontaktlinsen. Der Typ im Zeughaus meinte, mit dem Kontaktlinsenrezept könne er nichts anfangen , ich müsse ein Brillenrezept einreichen. Ich suchte also den Optiker auf und schickte das Rezept an die zuständige Stelle. Einige Wochen später erhielt ich ein Aufgebot vor eine sogenannte „UC“. Ich musste meinen Vater fragen, was das sein solle, es erklärte mir, es heisse „Untersuchungskommission“.

    Da war ich dann also, zusammen mit diversen anderen Personen, welche alle ihre Arztzeugnisse, Röntgenbilder etc. dabei hatten. Es waren alles Leute, welche an ihrer Musterung als diensttauglich erklärt worden waren, nun aber doch noch irgendwie vom Dienst wegkommen wollten. Als ich an der Reihe war, fragten mich die Herren, die dort sassen: „Und, warum sind Sie hier?“ – ich wusste es nicht.

    Nun wurden die Männer stutzig, sie begannen, ihre Akten zu studieren und murmelten etwas herum. Nach einigen Minuten wandte sich einer der Offiziere zu mir und erklärte: „Sie hätten zur Aushebung mit einem Brillenrezept erscheinen sollen. Das Kontaktlinsenrezept, welches Sie damals dabei hatten, hat andere Werte. Dies hätte der zuständige Arzt aber wissen müssen und Sie hätten es damals schon nachreichen müssen. Wir können die Kampfbrille und die korrigierte Schutzmaske nicht so stark schleifen, dass Sie diese benutzen können. Somit muss ich Sie leider enttäuschen (sic!), Sie dürfen den Militärdienst leider nicht absolvieren. Sie werden stattdessen in den Zivilschutz umgeteilt.“

    Ich musste mir da schon etwas Mühe geben, meine Freude zurückzuhalten. Kein Militärdienst, ich konnte grad an einer Schule zu arbeiten beginnen, der Zivilschutz war easy, das waren so 10 Tage im Jahr… das nahm ich doch gerne!

    Ich wünsche eine schöne Osterzeit!

    Roger

  5. Christian Berger

    Mein Zivildienst war so um 2003 herum. Damals war ich auch schon 22, und fast hätte man mich eh nicht mehr genommen. Das war bei mir nach der Ausbildung und der Berufsoberschule an der ich meine „fachgebundene Hochschulreife“ erreicht habe. Ich glaube da gab es auch einige Zurückstellungen.

    Meine Musterung war halb im „örtlichen“ Kreiswehr-Ersatzamt, aber als ich da erwähnte, dass ich Allergien habe, musste ich weiter ins Bundeswehrkrankenhaus in Ulm. Das waren meine ersten Fernverkehrsfahrten im ICE. Ich wusste damals noch gar nichts darüber und ich hab keine Ahnung wie ich das damals geschafft habe. Das Krankenhaus hat mich sehr überrascht. In der Eingangshalle war jemand der Klavier gespielt hat. Die Mitarbeiter und Ärzte waren teilweise vom Militär, teilweise zivil. Irgendwie schon interessant, dass man auch als Zivilperson bei der Bundeswehr arbeiten könnte. Die ganze Atmosphäre war irgendwie sehr viel freundlicher und angenehmer.

    Die Berufsoberschule, die Musterung und das Studium danach, waren alle so weit von meinem Elternhaus, dass ich damals eine eigene Wohnung brauchte. Glücklicherweise war die im Zivildienst dabei… und Studentenbuden waren damals noch sehr erschwinglich… und ich hatte BaFöG.
    Ich hab mich damals meines Wissens nach „normal beworben“ und eine Stelle im Archiv eines Krankenhauses bekommen. Das war, insbesondere am Anfang, eine schwere Zeit. Ich würde rückblickend behaupten, dass mich meine Chefin gemobbt hat. Wir haben später herausgefunden, dass sie wohl unter Schmerzen litt, was ein Grund für ihre Art sein hätte können.
    Ich war damals auch halber Zivi in 2 Abteilungen… die aber Konflikte miteinander hatten, die ich dann austragen sollte.
    Das war damals keine besonders schöne Zeit, zumindest anfangs nicht. Später wurde das dann aber besser, als die Chefin krank war und festgestellt hat, dass das auch ohne sie ging. Am Ende gab es auf Grund von Personalengpässen noch 2 Verlängerungen… dann war mein Vertrag aus und ich zog aus, hab mich arbeitssuchend gemeldet für die paar Wochen zum Studium… und dann ruf der Personalchef an und meinte, er könne mich wirklich noch brauchen. Somit habe ich da noch bis kurz vor meinem Studium dort gearbeitet. Rückblickend hätte ich da wahrscheinlich noch viel mehr Geld raus verhandeln können. Glücklicherweise hatte ich da schon meine Studentenbude.

  6. Dominik

    Ich komme ebenfalls wie Roger mit der Schweizer Sicht jetzt um die Ecke. Habe damals 2001 herum ebenfalls die „Aushebung“ (Musterung) machen dürfen. Und, naiv wie ich bin, wollte ich bis ein paar Tage zuvor noch Teil des Militärs werden. Als der Tag dann da war und ich „diese Militärköpfe“ habe erleben dürfen, wie ernst und „von oben runter“ wir als mögliche Kandidaten für die Truppe behandelt wurden, da wars mir vergangen. Ich wollte nur noch da raus.

    Jetzt hatte ich das Glück, dass unsere Gruppe von zirka 40 Nasen in der Mitte halbiert wurde. Die erste Gruppe ging zuerst an die Sportprüfung, die zweite Gruppe zuerst zum Arzt. Ich wurde untersucht. War gesund und fit, also hatte keine körperliche Ausrede nicht das Militär machen zu können. Entsprechend habe ich mein komplettes Schauspielwissen abgerufen, welches ich mir durch Steven Seagal-Filme angeeignet habe (LOL) und hab denen eins vom Pferd erzählt, Drogen, Alkoholexzesse und dass es vielleicht nicht ratsam wäre, mir mit meiner Vergangenheit eine Waffe in die Hand zu drücken. Und dann die Rückfrage: „Aber Zivilschutz“ können sie machen?“. Ich bejahte dies, und bekam den Stempel „untauglich“ in mein Dienstbüchlein. Yay.

    Und durfte dann, nachdem ich wieder mehr anhatte als meine Unterbuchse, durch eine weitere Türe gehen, wo ein total netter Mensch in klischeehaftem Ökopulli mich empfing und ich mich so in den Zivilschutz habe eintragen können.

    Zivilschutz in der Schweiz =

    Der Zivilschutz ist klar organisiert und übernimmt u. a.:

    Katastrophenhilfe
    Betreuung der Bevölkerung
    Unterstützung von Polizei, Feuerwehr, Gesundheitswesen
    Betrieb von Schutzanlagen

    • Roger

      Hey Dominik

      In meinem Fall war es so, dass ich nach der Grundausbildung Betreuung im Zivilschutz aus Zufall bei einem Einsatz als Küchenhilfe eingeteilt war und mir das so gefielt, dass ich beantragte, künftig fix in der Küche eingesetzt zu werden. Das waren immer sehr coole Einsätze und ich habe die Arbeit in Grossküchen gelernt, was ich als tollen Ausgleich zu meiner Lehrertätigkeit empfinde und wovon ich heute noch profitiere.

      Gruess vo Lozärn
      Roger

  7. Mister Incredible

    Moin zusammen,
    Ihr habt deutlich mehr aus dem Thema gemacht als ich zu Beginn dachte: Glückwunsch. Als Boomer steckte ich natürlich auch mitten drin in der Wehrpflicht und nach dem Abi kam die Musterung. Eine lebendige Erinnerung habe ich daran nicht mehr. Bis auf Unterhose ausziehen, begutachten lassen, und obwohl auch ich ein kompletter Sportversager war der in seiner Freizeit lieber auf einer uralten Adler-Schreibmaschine seine Phantasiegeschichten zu Papier brachte, bekam ich T2. Kriegte wohl jeder der nicht mit dem Kopf unter dem Arm dort aufschlug, nahm ich an. Mist.

    In meiner damaligen Wohngegend bei Osterholz-Scharmbeck gabe es die Lucius-D-Clay-Kaserne der US-Army und Schwanewede war ein bedeutender Bundeswehr-Standort mit der Lützow-Kaserne. Jeden Freitag und Sonntag, wenn die dort stationierten Herren ihre Heim- und Rückreisen vorwiegend ins / aus dem Ruhrgebiet antraten, präsentierten sie mir einen repräsentativen Eindruck vom Umgang untereinander, was mich in meiner Entscheidung bestärkte, dass ich mich diesem Lebensstil auf keinen Fall anzuschließen gedachte. Ich wäre da untergegangen und als Wischmop der Bullies geendet, musste ich befürchten.

    Damals gab es die „Gewissensprüfung“ noch, und ich hatte meine Unterlagen schon ziemlich vollständig. Durch einen privaten Kontakt in Richtung Deutsches Rotes Kreuz bekam ich Wind von einer anderen Lösung: 10 Jahre im Katastrophenschutz mit machen, in der Freizeit mit einem definierten Mindeststundensatz pro Jahr, während man jedoch Studium / Beruf und alles andere ohne Zeitverlust angehen konnte. Das war es! Verpflichtung unterschrieben, der Einladung zur Gewissensprüfung eine lange Nase gezeigt, und ab in den DRK-Grundlehrgang.

    Erste Hilfe, Sanitätsdienste, Umgang mit Feldküchen, Katastrophenschutzübungen mit geschminkten Unfallopfern waren das Thema, doch ich hatte wieder mal Glück da ich im Fotografenhandwerk und Handel arbeitete, also auch Samstags, und leider-leider immer an den Samstagsveranstaltungen verhindert war. Dafür war ich immer gern bei Werktagsfreizeit zur Stelle wenn es darum ging Ömmakes als Ersthelfer mit Verbandkasten auf einer Kaffeefahrt zu begleiten, im Seniorentreff helktoliterweise Kaffee zu brühen oder die Erste-Hilfe-Station bei Großveranstaltungen zu beschicken , worauf die älteren Familienväter überhaupt keine Lust hatten („bei dieser Musik“). So kam ich zu sensationellen Konzerten zum Nulltarif von Pink Floyd, Tina Turner, Erasure und anderen: ohnmächtige Mädchen aus der Halle tragen, bis sie wieder zu sich kamen, wieder hinein rannten, um sie 20 Minuten später wieder hinaus zu tragen.

    Durch zahlreiche Umzüge wegen beruflicher Versetzung innerhalb des späteren Warenhauskonzerns von Niedersachsen nach NRW, dann wieder nach Niedersachsen, dann nach Berlin und später Köln – wechselten ständig meine Kreiswehrersatzämter die darauf achten sollten dass jeder „Katastrophler“ nur ja seine Stundenzahl im Jahr absolvierte. Ich vermute, dass sie bei mir kaum hinterher kamen (die Mühlen der Verwaltung halt). Ein Highlight war zu Beginn der mehrwöchige (bezahlte) Einsatz nach meinem Abi 1981 im damaligen Erdbebengebiet von Süditalien auf einer DRK-Baustelle für Notunterkünfte mit ca. 30jähriger angepeilter Lebensdauer. (Google Steetview verrät: die Siedlung besteht noch heute), und auch hier gabe es on top nette Stundengutschriften für „Katastrophler“. Im Rückblick war alles in allem ein bequemer Ritt, auch wenn mancher Kreisbereitsschaftsführer meinte hie und da pseudomilitärische Härte zu praktizieren. Ich stellte mit den Jahren ernüchtert fest dass besonders jene, die privat und beruflich wenig Bestätigung erfuhren sich in der Rotkreuz-Hierarche besonders gern als Drill Sergeant hervortaten und dass gelegentlich das Gemeinschaftsgefühl beim DRK, Feuerwehr, ASB, THW und Schützenverein ein Hauptmotiv für freuchtfröhliche Mitgliedschaft waren, wobei die Art der Motivation letztendlich egal war wenn es der Gesellschaft diente, und das tat es sicher.

    Die Wehrpflicht, damals noch 18 Monate lang, wurde bis 1989 schrittweise auf 12 Monate reduziert, zwangsläufig kappte man den Ersatzdienst im Katastrophenschutz von 10 auf 8 Jahre, wodurch meine Verpflichtung per Verordnung mit Inkrafttreten der neuen Regel endete.

    Neue Herausforderungen für Pflege und Soziales ab 1983 mit der Identifizierung von AIDS als Virusinfekt und tödlichen Komplikationen. Immer deutlicher wurde bis in die späten 1980er dass das existierende Pflegesystem jüngere schwule Männer durch Pflege- und Hospizarbeit kaum adäquat versorgen konnte und es spezialisierte Einrichtungen brauchte. Das quälende Sterben um mich herum hatte 1986 begonnen und pflügte eine schmerzliche Schneise in Freundes- und Bekanntenkreis, in Kölner Zeiten half ich einem Freund bei der Pflege und nächtlicher Betreuung seines Lebenspartners (bis dieser starb), da er selbst aufgrund der Mehrfachbelastung bereits kollabiert war und befand mich somit in einer gänzlich neuen Situation. Umgang mit Menschen in so existenziellen und aussichtslosen Krisen – da immer noch keine dauerhaft wirksame Therapie existierte und viele frühzeitig Infizierte bereits schwere Schäden durch Sekundärerkrankungen erlitten hatten – erweiterte meinen Horizont und den Blick auf das Leben zwangsläufig, ebenso erweiterten Patienten, Pflegekräfte und Angehörige mein Umfeld auf eine angenehme, wohltuende Weise. Öfter arbeitete ich im SchwIPS-Hospiz in Köln ehrenamtlich mit, in der Hauswirtschaft, da ständig unterbesetzt / unterfinanziert und man hatte sich auf schwule Patienten spezialisiert. Mit Verfügbarkeit besserer Medikamente und höherer Disziplin dieses Patientenkreises verschob sich die Patientenschaft mehr und mehr in Richtung auf Drogenabhängige, die sich HIV per unsauberen Spritzbestecks zugezogen hatten und in weit desolaterem Zustand zu uns kamen, die Sterberate war unter ihnen viel höher. Eine bezahlte Teilzeitstelle in der Hauswirtschaft wurde frei, die nahm ich an als Nebenjob und die Hauptamtler freuten sich dass ich gern Wochenendschichten übernahm.

    Es ist schon viel zu lang geworden, aber Simons Kack-Anekdote drängte mich auch meine kleine Fäkalienstory zum Besten zu bringen, auch wenn das „Opfer“ ein anderer war. Ich schnippelte wie immer in der Küche für Mittag- oder Abendessen, da kam der Zivi herein gewankt, stöhnend und grün angelaufen. Ich: „Was ist mir dir denn los?“ – „Ich musste die Trommel vom Wäschetrockner putzen, der war voller Scheiße.“ – „Wieso das denn?“ – „Markus(Patient auf BTM/Psychopharmaka) hat die vollgekackten Klamotten von Andreas in den Trockner gestopft und eingeschaltet.“ Ich: „Oh je, der Scheiß ist heiß.“ (Fand der Zivi nicht lustig)

    Haloperidol wurde damals verabreicht, da viele der Patienten psychisch erkrankt waren und unter notorischer Unruhe litten, vor allem Markus, der immer „helfen“ wollte und regelmäßig Chaos anrichtete. Der Zivi hatte also mit dem Kopf im stinkenden Industrie-Trockner gesteckt und mehrere Putzgänge absolviert. Seine Laune wurde nicht besser als ich ihm eine schonendere Methode offenbarte: nämlich einige Kaltprogramme nacheinander mit alten feuchten Handtüchern laufen zu lassen, bis alle Rückstände beseitigt waren und die Handtücher dann bei 90 Grad in die Wäsche zu tun. Er hätte den Tipp gern früher gekannt, aber er hatte ja mich nicht gefragt *lg*. Nunja. Der Vorfall wurde zur gern erzählten Anekdote im Hause.

    Eine Dienstverpflichtung gleich welcher Art wäre heute vielleicht gar nicht so schlecht, wenn ich z.B. daran denke, dass dieses auch Disziplin gegenüber anderen und im Umgang mit Internet / Smartphones bedeutet und eine Chance, die es so heute nicht (mehr) gibt: die Bundeswehr war der Ort an dem sich die Söhne von Millionären und Menschen aus sozialen Brennpunkten gleichermaßen begegneten und durch Uniformierung für eine geraume Zeit buchstäblich „gleicher“ wurden. Dieser Effekt könnte einer oft beklagten Gesellschaftsspaltung entgegen wirken.

    Unsere grünen Joppen mit Kapuze der 1970er hießen schlicht „Bundeswehrparka“, waren superpraktisch, hatten auch einen gleichmachenden Effekt, denn damals rannte noch kein Schüler mit Markengedöns herum, man schleppte diese Teile bis sie verschlissen waren. Je abgewetzter desto besser. Viele ließen den Aufnäher mit Nationalflagge am Ärmel. Die BW-Parkas waren trotz Ablehnung des „Kriegsdienstes“ der meisten Träger kein Widerspruch, vielleicht war es gerade dieser Kontrast der die eigene Haltung unterstrich. (Man stelle sich das heute vor: „Ey, du hast ja ’ne Deutschlandflagge, wählst du auch rechts?“ Nein!)

    Heftig kichern musste ich bei der Vorstellung dass Simon einen Plastikpanzer herunterwürgen könnte. „Meine Eltern haben immer darauf geachtet dass ich kein kriegerisches Spielzeug zu mir nehme.“ Toller Podcast – hat mir viel Spaß gemacht!

  8. Uschi

    Vielen Dank für die tolle Folge, bei der mir einfiel, dass mir niemand einfällt, der Zivildienst geleistet hat. Warum? Weil ich 1982 direkt nach dem Abi nach Westberlin ging und alle Männer, die ich dort im Studium kennenlernte waren halt – in Westberlin 🤷🏻‍♀️
    Und der Großteil wahrscheinlich genau aus genau diesem Grund.
    Komischerweise war das aber nie Thema in den Gesprächen. Kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass darüber geredet wurde, dabei habe ich Politologie studiert! Vielleicht haben die Jungs das ja unter sich ausgemacht.
    Trotzdem sehr seltsam…
    Mein damaliger Freund ging zum Bund und das hat zu einem Riesenkrach in unserer jungen Beziehung geführt, da es ich mich zu der Zeit in die linke Anarchoszene zog und ich absolut null Verständnis für seine Entscheidung hatte – es hatte bei ihm irgendwas mit Familientradition zu tun…
    Wie dem auch sei – beim Hören eurer Folge hatte ich das Gefühl, einen wichtigen Teil dieser Zeit nachzuholen, der aufgrund meines Wohnortwechsels und der sprachlosen Jungs um mich herum völlig an mir vorbei ging, obwohl er eigentlich ein großes Thema hätte sein sollen. Also nochmal: Vielen Dank 🙏
    Und zu Sebastian: Mir geht‘s wie dir. Kann mir solche Arbeit nur schwer bis gar nicht für mich vorstellen und habe gleichzeitig große Bewunderung für Menschen wie Simon, die da einfach reingehen und machen. Gottseidank gibt es sie. Danke, Simon. Wenn alle ticken würden wie ich, sähe es im Kranken- und Pflegebereich ganz schön mau aus. Liebe Grüße!

  9. Christian aus Ostfriesland

    Als der Musterungsbescheid 1996 kam, befand ich mich in der Ausbildung bei einem zivilen Betrieb innerhalb einer Bundeswehr-Kaserne. Eine Verweigerung hätte zur Kündigung geführt, da die Bundeswehr mit dieser Institution Nachwuchs an technischen Fachkräften gewann. Ich bin mit meiner über Jahre gepflegten 4 in Sport nie besonders aktiv gewesen und so mit entsprechend mulmigem Gefühl zur Musterung gefahren. Was fiel mir ein riesiger Stein vom Herzen als ich ausgemustert wurde. So habe ich über Jahre innerhalb der Kaserne gearbeitet ohne jemals Soldat gewesen zu sein. Und ja, hätten sie mich für den Wehrdienst genommen, hätte ich das auch als „Bestrafung“ empfunden. Ich bin danach wieder zur Schule gegangen und letztlich Ingenieur geworden.

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